| Was ist Tantra? |
Was ist Tantra?
Tantra gilt heute auch in der spirituellen Szene manchem als
anstößig, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass Tantra Sexualität
voll und ganz bejaht und ein freies und gesundes Verhältnis zu
dieser Urkraft in uns als beste Voraussetzung für ein
ganzheitliches und spirituelles Wachstum ansieht. tantra altar Das
ist, Jahrzehnte nach der sogenannten sexuellen Revolution, noch
immer nicht selbstverständlich. Wer im Tantra allerdings nicht mehr
sieht als exotische Sexualpraktiken irrt gewaltig, denn Tantra ist
eine der ältesten und tiefgreifendsten spirituellen Traditionen auf
unserem Planeten. Dass Tantra jedoch auch ganz konkrete Anregungen
und Hilfestellungen für ein erfülltes Liebesleben gibt, muss dazu
nicht unbedingt im Widerspruch stehen.
Historische Wurzeln
Die Wurzeln des Tantra reichen mindestens 5000 Jahre zurück.
Verschiedene Richtungen haben sich zu verschiedenen Epochen vor
allem im indischen Kulturraum und im Himalaya entwickelt. Sowohl im
Hinduismus als auch im Buddhismus existieren tantrische
Traditionen, die meistens durch direkte Übertragungslinien von
Meister zu Schüler weitergegeben wurden. Tantra ist bekannt als
eine der wenigen spirituellen Richtungen, die Körperlichkeit,
sinnliche Lust und Sexualität nicht als Hindernisse für eine
geistige Entwicklung, sondern als Katalysator auf dem Weg zur
Erleuchtung ansehen. Nicht alle traditionellen Tantra-Schulen haben
jedoch Sexualität auch konkret in Form von Ritualen praktiziert
(das sogenannte linkshändige Tantra). Das Tantra der rechten Hand
praktizierte statt dessen Visualisierungen und eher symbolische
Handlungen. Die meisten der Praktiken blieben jedoch über
Jahrhunderte geheim und die Gelehrten sind sich häufig nicht einig,
ob die oft blumigen Beschreibungen sexueller Praktiken symbolisch
oder konkret gemeint waren.
Im Westen erlebt Tantra seit einigen Jahrzehnten eine Renaissance,
wobei das Spektrum hier von einfachen sinnlichen Gruppenaktivitäten
bis hin zu enorm herausfordernden spirituellen Einweihungswegen
reicht.
Begründer heutiger Tantraschulen
Die meisten der im Westen heute bekannten Tantraschulen gehen auf
den indischen Mystiker Osho zurück, der zuweilen auf sehr
provozierende Weise östliche Weisheitslehren und westliche
humanistische Therapieformen zusammenbrachte. Von ihm sind die
bekannteren Tantraschulen Skydancing (Margo Anand), Orgoville
(Gabrielle St. Clair und Michael Plesse) und The Art of Being (Alan
Lowen) maßgeblich inspiriert, deren Schüler wiederum eigene
Institute und Ableger gegründet haben. Heute gibt es im
deutschsprachigen Raum ca. 50 Tantraschulen, von denen ca. 10 auch
überregional tätig sind.
Die tantrische Weltsicht
Tantra geht vom Wortstamm auf die Sanskrit-Silbe Tan zurück, was
soviel bedeutet wie verweben. In tantrischer Sicht sind alle
Phänomene unserer Existenz miteinander verbunden, und es gibt kein
besser oder schlechter, kein gut und böse, sondern es gibt nur
verschiedene Grade an Bewußtheit über die Zusammenhänge. Mit
höherer Bewußtheit begreifen wir, dass jede unserer Handlungen
letztlich auf uns selbst zurück fällt. Im Tantra löst sich daher
die christlich-abendländische Spaltung von heilig und sündig, von
egoistisch und altruistisch auf zugunsten einer ganzheitlichen
Erfahrung des Einsseins, des Verbundenseins mit allem was
ist.
Die tantrische Sichtweise hat weitreichende Konsequenzen für alle
Bereiche menschlichen Lebens. Besonders jedoch die typischen
Spaltungen der westlichen Zivilisation zwischen Geist und Körper,
zwischen Sexualität und Spiritualität oder Religion, zwischen Herz
und Verstand und zwischen Herz und Sex können sich in einem
tiefgreifenden, erlebnisreichen Prozess des Annehmens verwandeln
und heilen.
Wo Tantra Anwendung findet
Tantra eignet sich für Menschen, die sich in ihrem ganzen
Gefühlsspektrum tiefer kennenlernen und annehmen lernen wollen,
ohne dabei die erotische und sexuelle Dimension des Erlebens
auszugrenzen. Tantra ist zwar keine Therapieform im engeren Sinne,
hat aber durchaus vielfältige heilsame Wirkungen. Besonders im
Bereich des Körperbewußtseins, des sinnlichen und erotischen
Selbstbildes, der Liebes- und Beziehungsfähigkeit und einer
gesteigerten Lebendigkeit im Allgemeinen kann Tantra sehr hilfreich
sein. Nicht alle, die an Tantrakursen teilnehmen, sind auch an
ihrer spirituellen Weiterentwicklung interessiert, obwohl darin
sicherlich der wesentliche Aspekt des Tantra zu finden ist: In der
Rückverbindung mit dem Göttlichen, mit der Existenz, die sich ganz
konkret im Hier und Jetzt vollzieht. Tantra bleibt auch in diesem
Bereich undogmatisch. Es werden keine Glaubenssätze gelehrt,
sondern konkrete Erfahrungen induziert, dies es dem einzelnen Mann,
der einzelne Frau und dem einzelnen Paar ermöglichen,
selbstverantwortlich die eigenen Konsequenzen daraus zu
ziehen.
Wie wird Tantra heute vermittelt?
Tantra wird heute im Westen in vielfältigen Kursen und Seminaren
auf dem freien Markt angeboten. Die meisten Anbieter sind dabei
konfessionell und strukturell unabhängig. Daneben gibt es mehr im
Verborgenen auch Tantraschulen und Einweihungswege im Rahmen des
Buddhismus, vor allem tibetischer Tradition. Die hinduistischen
Schulen sind hierzulande kaum vertreten. Tantrische Aspekte und
Methoden finden sich heute jedoch in einer Vielzahl von
therapeutischen Ansätzen wieder, ohne dass sie immer als solche
benannt werden. Die bekannteren und öffentlich zugänglichen
Tantraschulen bieten ihre Seminare meistens in Form von
Abendgruppen, Wochenendkursen oder auch in längeren Trainings an,
die dann oft in ausgesuchten Tagungshäusern auf dem Land
stattfinden.
Dabei kommt ein großes Spektrum an erlebnisaktivierenden Verfahren
zur Anwendung wie Körperarbeit, bewußtes Atmen,
Encounterstrukturen, Energiearbeit, Tanztherapie, Meditationen,
sinnliche Rituale uvm. Der Schwerpunkt kann dabei variieren, manche
Anbieter fokussieren sehr stark auf das sexuelle Thema, andere
integrieren dieses mehr in ein ganzheitliches Spektrum von
Begegnung und Erfahrung.
Auch das Maß an Intimität, das in Rahmen einer solchen Gruppe
erlebt wird, kann stark variieren. Bei den meisten Tantraseminaren
findet kein direkter sexueller Kontakt im Gruppenraum statt.
Nacktheit ist in manchen Übungen zuweilen möglich oder empfohlen,
sollte aber niemals Pflicht sein. Allen Kursen gemeinsam ist, dass
der Körper als unmittelbares Resonanzorgan einbezogen wird, d.h.
Tantraseminare sind keine abgehobenen Philosophiezirkel, sondern
lebendige Erfahrungsräume.
Risiken und Nebenwirkungen...
Menschen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen brauchen in
der Regel ein höheres Maß an individueller Betreuung als es in
einem Tantraseminar der Fall sein kann. Die therapeutische
Vorbildung von Tantralehrerinnen und -lehren ist zudem sehr
unterschiedlich, und bei manchen ist zweifelhaft, ob sie mit all
den Prozessen, die sie in Gang bringen, wirklich verantwortlich
umgehen können. Vor allem Gruppen, in denen die individuellen
Grenzen der Teilnehmenden nicht unterstützt und respektiert werden,
können zuweilen sogar gefährlich werden.
Tantra wirkt sehr tiefgreifend und braucht daher auch die Fähigkeit
und die Bereitschaft des Lernenden, die Verantwortung für sich
selbst zu übernehmen und auf diese Weise den eigenen Prozess zu
steuern. Dennoch sollten Interessenten darauf gefaßt sein, dass
sich eine Öffnung zu mehr Lust, Liebe und ganzheitlichem Bewußtsein
kaum je ohne tiefe Krisen vollzieht Diese Krisen werden aus
tantrischer Sicht deswegen früher oder später auftauchen, damit
auch die Schattenseiten angenommen werden können, die zum Ganzsein
dazu gehören.
Eine besondere Art der Vermittlung von Tantra sind sogenannte
Tantramassagen. Dahinter verbergen sich sehr verschiedene Angebote,
angefangen von Energiemassagen über sinnliche und erotische
Ganzkörpermassagen bis hin zu schlicht und einfach
Prostitution.
Wem ist Tantra zu empfehlen?
Sowohl Singles als auch Paare, die ihr Liebesleben entwickeln und
bereichern möchten und diese Entwicklung auch zum Ausgangspunkt
ihres ganzheitlichen, menschlichen und spirituellen Wachstums
nehmen möchten, sind beim Tantra genau richtig. Eine gewisses Mass
an Neugier auf sich selbst und auf die menschliche Natur in ihrer
Vielfalt, Kraft und Verletzlichkeit sind sehr von Vorteil. Auch
konkrete Symptome wie reduzierte sexuelle Erlebnisfähigkeit,
Einsamkeitsgefühle, Partnerschaftsprobleme und psychische und
psychosomatische Störungen können durch Tantra einer Heilung näher
gebracht werden. Allerdings ist all dies eher als eine erwünschte
Nebenwirkung zu betrachten, denn im Kern geht es im Tantra nicht um
das Beseitigen von Symptomen, sondern um das Annehmen des Lebens in
allen seinen Facetten, in jedem einzelnen Moment.
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